Krimimama – Schreiben mit Kindern

Über das Schreiben, den Alltag und den Rest der Welt – ein Blog von Kristina Herzog

Lerne von den Großen: Lass dich von allem um dich herum inspirieren

J.R.R. Tolkien, der große alte Herr, der den Hobbit, das Silmarillion und den Herrn der Ringe erschaffen hat, sagte einmal: „Es gab da einen neugierigen alten Mann in der Nachbarschaft, der immer auf der Jagd war nach herumfliegenden Klatsch, Wetter-Weisheiten und derlei. Um meine Söhne zu amüsieren, habe ich ihn Gaffer Gamgee genannt und der Name wurde Teil der Familien-Überlieferung für die Bezeichnung solcher Burschen. Damals habe ich den Hobbit begonnen.“

Bei mir ist das ähnlich:  Ich werde erstaunlich häufig gefragt, wie ich denn auf die Dinge komme, die ich so schreibe. Zunächst mal: Nein! Ich habe noch niemanden umgebracht und habe derzeit auch keinerlei  Pläne in der Hinsicht. Aber es hat mir schon immer Spaß gemacht, Menschen und ihr Verhalten zu beobachten. Erlebnisse, Orte, die ich gesehen oder an denen ich gelebt habe, Ereignisse, vieles findet irgendwann einen Weg in meine Geschichten. Meist passiert das Ganze allerdings erst sehr viel später, wenn alles durch meine Gehirnwindungen spaziert ist und dort eine Weile geruht hat, dann drängt es wieder ans Tageslicht und verlangt Beachtung.

Ich profitiere in dieser Hinsicht natürlich auch von meinem Jurastudium. Die Fälle, die ich dort bearbeitet habe, die aufgeschnittenen Leichen in der Rechtsmedizin oder auch die Gerichtsverfahren, die ich begleitet habe, inspirieren mich. Als ich in der Mitte meines Studiums von Berlin nach Heidelberg gewechselt bin, schockierte mich der Studienberater zunächst mit der Frage, was ich denn in der Provinz wolle, wo Berlin doch so viel mehr biete. Herrje, ich hatte mir vorher noch gar keine Gedanken gemacht, was denn Provinz sein könnte und was nicht, aber an Heidelberg hatte ich dabei zumindest nicht gedacht. Noch während ich an dieser dahingeworfenen Äußerung knabberte, trat ich mein Praktikum bei der Staatsanwaltschaft Heidelberg an. Ich kannte die Gegend und die Menschen noch kaum und man war offensichtlich beeindruckt von meinem Berliner Hintergrund und wollte mir etwas ähnlich Spektakuläres bieten wie man in Berlin vermutete. Jedenfalls bekam ich die ganzen Akten mit den ungeklärten Mordfällen vorgelegt mit der Weisung, sie durchzuarbeiten. Es war gruselig: Die Tatsache, dass diese Morde ungeklärt und damit ungesühnt waren, die Mörder also noch frei herumliefen und dann auch noch diese fürchterlichen Tatortfotos voll mit Blut und toten Menschen.

Wenn ich mit der Straßenbahn nach Hause fuhr, sah ich jeden misstrauisch an. Jeder hier konnte einer der Mörder sein. Hätte ich damals schon Krimis geschrieben, hätte ich das Ganze kanalisieren können und wäre nicht ganz so gefangen gewesen. So brauchte ich eine Weile, bevor ich meine Zurückhaltung gegenüber der einheimischen Bevölkerung langsam ablegte, die ich aufgrund ihres badischen Zungenschlags sowieso kaum verstand.

Aber jetzt ist es endlich an der Zeit, diese Erfahrungen in selbstverständlich abgewandelter Form zu verarbeiten. Ich muss jetzt an meinem neuesten Krimi weiterarbeiten. Tatort Marokko. Fröhliches Morden allerseits!